Event Storming: in einem Tag den ganzen Ablauf verstehen
Teil 3 der Reihe "Software gemeinsam gestalten". Zur Übersicht
Im vorigen Teil haben wir Domain-Driven Design als Denkrahmen eingeführt. Event Storming ist das Workshop-Format, mit dem wir diesen Denkrahmen in die Praxis bringen. Alberto Brandolini hat es entwickelt, um komplexe Geschäftsabläufe in wenigen Stunden sichtbar zu machen, und zwar gemeinsam mit allen Beteiligten.
Was Event Storming ist
Event Storming ist ein Workshop, in dem alle Beteiligten einen Geschäftsablauf als Folge von Ereignissen auf Klebezettel schreiben und an eine lange Papierwand kleben. Jedes Ereignis beschreibt etwas, das im Arbeitsalltag passiert, in der Vergangenheitsform: "Spende eingegangen", "Zuwendungsbestätigung erstellt", "Kontakt zugeordnet". Die zeitliche Reihenfolge ergibt sich von links nach rechts.
Das Format ist bewusst niedrigschwellig. Alle können sofort mitmachen: ein Raum, eine lange Wand, Klebezettel in verschiedenen Farben und Stifte reichen aus.
Wie ein Event Storming abläuft
- 01
Chaotische Exploration
Alle schreiben gleichzeitig Ereignisse auf orangefarbene Klebezettel und kleben sie an die Wand. Reihenfolge und Vollständigkeit spielen noch keine Rolle. Ziel ist, möglichst viele Perspektiven auf den Ablauf zu sammeln.
- 02
Zeitliche Ordnung
Das Team sortiert die Zettel gemeinsam auf einer Zeitleiste. Dabei entstehen Diskussionen über die tatsächliche Reihenfolge, über Varianten und über Begriffe. Genau diese Diskussionen sind der wertvollste Teil.
- 03
Hotspots markieren
Stellen, an denen Unsicherheit, Widersprüche oder Konflikte auftauchen, werden mit einem pinkfarbenen Zettel markiert. Diese Hotspots zeigen, wo das Team noch kein gemeinsames Verständnis hat.
- 04
Anreichern
Je nach Tiefe kommen weitere Elemente dazu: Auslöser (blaue Zettel für Befehle), Akteur:innen, Regeln (gelbe Zettel) und externe Systeme. So entsteht ein reichhaltiges Bild des Ablaufs.
- 05
Grenzen erkennen
Gegen Ende zeichnen sich Cluster ab: Gruppen von Ereignissen, die fachlich zusammengehören. Diese Cluster sind die ersten Hinweise auf Bounded Contexts, die wir im nächsten Teil der Reihe vertiefen.
Warum das Format funktioniert
Event Storming bringt Menschen zusammen, die im Alltag selten im selben Raum stehen: Fachexpert:innen aus verschiedenen Abteilungen, Entwickler:innen, Produktverantwortliche. Das gemeinsame Modellieren an der Wand macht implizites Wissen sichtbar. Jede:r sieht, was die anderen über den Ablauf wissen, und wo das eigene Bild Lücken hat.
Die Ereignisse sind in natürlicher Sprache formuliert, lesbar für alle Beteiligten. Die Diskussion bleibt auf der fachlichen Ebene, dort, wo die wichtigen Entscheidungen fallen.
Was ihr mitnehmt
- Ein gemeinsames Bild des Ablaufs, das alle Beteiligten verstehen und mittragen.
- Eine Sammlung der Fachbegriffe, die das Team tatsächlich verwendet, als Grundlage für eine gemeinsame Sprache.
- Sichtbare Hotspots: offene Fragen, Widersprüche und Risiken, die vorher in einzelnen Köpfen verborgen waren.
- Erste Hinweise auf fachliche Grenzen, die den Schnitt der Software leiten.
An einer Wand voller Klebezettel lässt sich mehr klären als in zehn Abstimmungsterminen.
Von der Wand zur Architektur
Ein Event Storming liefert das Rohmaterial. Im nächsten Teil zeigen wir, wie wir daraus Bounded Contexts ableiten und den Schritt von der Wand zur Software-Architektur gehen.
Roy Carlitscheck
Software Developer